2021/14: Paciano - Dagnano

 

Etappe 2021/14 [0272]

Paciano - Sentiero della Bonifica - Dagnano

115 km    
1210 Hm (garmin edge 1000)

 

 

Mit dem Fahrrad von Catania über Palermo und Neapel nach Rimini. Radtour durch Italien.
 
 
Mit
Irgendwie sieht man es dem Bild an: nach wenigen Kilometer Fahrt verlassen wir die Region Umbrien und erreichen die Toskana, eine der geschichtsträchtigsten Gegenden Europas überhaupt. Die Menschen in der Region leben (neben dem Tourismus) hauptsächlich vom Weinanbau. Hier sind wir richtig!
 
Mit
Ein Großteil der heutigen Etappe folgt dem Radweg "Sentiero della Bonifica", der von Chiusi durch das Chiana Tal nach Arezzo führt. So, wie es auf dem Bild oben aussieht, sah es hier nicht immer aus. Das Tal wird durch eine Vielzahl von Gebirgsbächen gespeist hat aber keine ausgeprägte Neigung. Daher hat sich hier über Jahrhunderte ganzjährig Wasser gestaut und die Gegend war eine von Stechmücken bewohnte Seen- und Sumpflandschaft. Über die Jahrhunderte hat sich das Tal mal in nach Norden in den Arno entwässert, zuletzt jedoch in Richtung Süden in den Tiber. Von Leonardo da Vinci bis Galileo Galilei beschäftigten sich die führenden Wissenschaftler mit der Frage, wie das Tal bewohnbar und urbar gemacht werden kann, was neben technische Fragestellungen auch politische Probleme mit sich brachte: Rom und Toskana waren unterschiedliche staatliche Gebilde, aber auch in der Toskana selbst gab es unterschiedliche Ansichten. Die Anwohner des Arno-Tales z.B. waren nicht gerade darauf erpicht, das jährliche Hochwasser, unter dem die Römer litten, durch ihr Tal fließen zu lassen.
 
Mit
Im 14. Jahrhundert legten die Medici einen Entwässerungskanal an, der den Sumpf zu entwässern begann. Der heutige Radweg folgt einem Zugangsweg, den die Medici für den Unterhalt ihres Kanalsystems angelegt hatten. Der Kanal war schiffbar und wurde für den Transport landwirtschaftlicher Produkte genutzt. Die Fließrichtung war nun von Süd nach Nord, das Wasser wurde in den Arno eingeleitet.  
 
Mit
Im Jahre 1718 einigten sich die Bevollmächtigten von Papst Clemens XI. und dem Großherzog der Toskana Cosimo III. darauf, den Zufluss aus dem Lago di Montepulciano und dem Lago de Chiusi über zwei Schleusenbauwerke zu regulieren. Die Schleuse Callone di Valiano (oben im Bild) sollte den Zufluss nach Norden zum Arno regulieren und die Callone Romana den Zufluss nach Süden in den Tiber. Eine technisch perfekte Lösung, die jedoch politisch zum Scheitern verurteil war, da jede Region ihre eigene Schleuse nach ihren Interessen steuerte. Mit der eigenen Schleusen konnten die beiden Regionen nicht nur den Zufluss in ihre eigenes Gebiet steuern, sondern im Umkehrschluss auch das Hochwasserereignis in der anderen Region beeinflussen. Und mit der Entwässerung des Chiana-Tals war man auch nicht wirklich voran gekommen. Am Ende wurde die Wasserscheide durch den Bau eines Damms neu positioniert. Dieser Damm regelte fortan, welche Gebiete überer welches Flusssysten entwässert wird.
 
Mit
Ende des 18. Jahrhundert trieb Großherzog Leopold, der spätere Kaiser Leopold II, die Entwässerung des in der Toskana befindlichen Teils des Chiana-Tales voran. Der politische Wille war da, was fehlte waren Konzepte. Durchgesetzt hat sich das Umgestaltungskonzept des Mathematikers Vittorio Conte Fossombroni aus Arezzo. Die Toskana war seinerzeit nicht auf externe Kompetenz angewiesen, man hatte führende Wissenschaftler vor Ort (im Unterschied zu heute war das Ansehen von Mathematikern, Physikern und Ingenieuren sehr hoch und man vertraute ihn wichtige Ämter an). Fossombronis Plan sah vor, durch eine Reduktion der Fließgeschwindigkeit des Flusses die sich ablagernden Sedimente zu nutzen, um das Niveau des oberen Tals anzuheben. So entstand tatsächlich eine geringfügige Neigung des Geländes hinab zur Einmündung in den Fluss Arno, der ganzjähriges Abfließen des Flusses ermöglicht. Die trockengelegten Flächen konnten landwirtschaftlich genutzt werden und trugen zum Wohlstand der Region bei. Ich fasse zusammen: Es ist den Naturwissenschaftlern zu verdanken, dass es der Toskana weniger Stechmücken und mehr Chianti gibt. 
 
Mit
Der Rest des Tages ist schnell erzählt: nördlich von Arezzo geht es ins Gebirge Die Straße, der wir folgen, endet plötzlich an einer umzäunten Villa. Wir müssen auf Trampelpfaden unseren Weg aus dem steilen Gelände suchen und kommen erst weit nach Einbruch der Dunkelheit in unserer gebuchten Unterkunft an.
 
Mit
Wir übernachten in einem sehr schön gelegenen B&B. Angesichts der späten Stunde ist die Vermieterin so freundlich, uns mit dem Auto in ein Restaurant zu fahren.